CARL SCHMITT UND ESCHATOLOGIE

             Ryuichi Nagao (Übersetzt vom Englischen von Gabriele Stumpp)  ¡¡

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I.
  Erste Ansätze

Im letzten Teil seiner frühen Schrift Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen (1914) entwarf Carl Schmitt eine Art von historischem Schematismus, in dem „Zeiten des Mittels¡È und „Zeiten der Unmittelbarkeit¡È aufeinander folgen. (S. 108) Diese Textstellen erwecken den Eindruck, als ob er sich einer zyklischen Auffassung von Geschichte verschrieben habe. Der letzte Satz des Buches jedoch deutet auf das Kommen eines „ewigen Friedens¡È am Ende der Geschichte hin. Er schreibt:

Der Unmittelbare aber nur sieht, dass alle Gewässer, die imposanten Ströme wie die kleinen Bäche, schließlich im Meere enden, um in dessen Unendlichkeit ihre Ruhe zu finden. (S. 110)

Während des Ersten Weltkrieges veröffentlichte er ein Buch über einen zeitgenössischen Dichter Theodor Däublers „Nordlicht¡È (1916), in dem er die moderne technische Welt als die des Anti-Christ verdammte. Das Motto dieses Buches ist aus Lukas 12.56 entnommen:

„Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels versteht ihr zu prüfen; wie prüfet ihr aber diese Zeit nicht?¡È

Er charakterisiert dieses Zeitalter (das kapitalistische, mechanistische, relativistische Zeitalter) auf folgende Weise:

„Die Menschen sind arme Teufel geworden; ‚sie wissen alles und glauben nichts¡Ç. Sie interessieren sich für alles und begeistern sich für nichts. Sie       verstehen alles, ihre Gelehrten registrieren in der Geschichte, in der Natur, in der eigenen Seele. Sie sind Menschenkenner, Psychologen und Soziologen       und schreiben schließlich eine Soziologie der Soziologie.¡È (S. 60)

„Die wichtigsten und letzten Dinge waren ja schon säkularisiert. Das Recht war zur Macht geworden, Treue zur Berechenbarkeit, Wahrheit zur allgemein anerkannten Richtigkeit, Schönheit zum guten Geschmack, das Christentum zu einer pazifistischen Organisation. Eine allgemeine Vertauschung und Fälschung der Werte beherrschte die Seelen. An die Stelle der Unterscheidung von gut und böse trat eine sublim differenzierte Nützlichkeit und Schädlichkeit.¡È(S. 61f.)

„Ein Bild (...) taucht auf wie eine Prophezeiung, die sich nunmehr erfüllt: der Antichrist. Was ist das Grausige an ihm? Warum ist ermehr zu fürchten als        ein mächtiger Tyrann, als Timur Lenk oder Napoleon? Weil er Christus nachzuahmen weiß und sich ihm so ähnlich macht, dass  er allen die Seele        ablistet.¡È (S. 61)

„ Seine geheimnisvolle Macht liegt in der Nachahmung Gottes. Gott hat die Welt erschaffen, er macht sie nach; (...) Der unheimliche Zauberer schafft die Welt um, verändert das Antlitz der Erde, macht die Natur sich untertan. (...) Die Menschen, die sich von ihm täuschen lassen, sehen nur den fabelhaften Effekt; die Natur scheint überwunden, das Zeitalter der Sekurität bricht an; für alles ist gesorgt, eine kluge Voraussicht und Planmäßigkeit ersetzt die Vorsehung; die Vorsehung ‚macht¡Ç er, wie irgendeine Institution.¡È (S. 62)

Schmitt führte aus, und dies vor dem Weltkrieg, dass „ein eschatologisches Entsetzen viele ergriffen (hatte)¡È.(S. 64)

 

II  Dezisionismus und Eschatologie

In Schmitts frühester Schrift Gesetz und Urteil (1912)  hebt er die Wichtigkeit der „Bedeutung der Entscheidung an sich¡È (S. 49) hervor.  Dieses Konzept stand an zentraler Stelle innerhalb seines politischen Denkens während der Weimarer Zeit.

In seinen Schriften: Politische Theologie (1922) und Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus (1923) verwies er auf den eschatologischen Charakter des Glaubens an ein irdisches Paradies und stellte dem die christliche Eschatologie von Donoso Cortes gegenüber. „Donoso¡È , schrieb er,  „(respektiert) den atheistisch-anarchistischen Sozialismus als seinen Todfeind¡È, wohingegen „er die Liberalen (verachtet), die einer Entscheidung auswichen. (Politische Theologie, S. 67)

Ein in seinen Zielvorgaben räumlich wie zeitlich eingeschränkter Dezisionismus unterscheidet sich von einer Eschatologie, die den Zustand der Welt in deren letzten Tagen heraufbeschwört.  Wenn jedoch eine situationsgebundene Entscheidung die letzte am Ende der Geschichte ist, kann sie eine Entscheidung in eschatologischer Bedeutung sein.

Prima facie scheint Schmitts Dezisionismus für die Nöte der Weimarer Republik vorgeschlagen zu haben, wie dies Jean Bodin oder Thomas Hobbes für das zeitgenössische Frankreich bzw. Großbritannien getan haben.  Aber Schmitts Vortrag in Spanien: Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen (1929) enthüllt eine andere Perspektive. In ihm stellt er einen kursorischen Überblick über die europäische Geschichte seit dem 16. Jahrhundert vor. Unter diesem Gesichtspunkt hat sich das zentrale Sphäre des europäischen Geistes vom Theologischen (16. Jhdt.) über das Metaphysische (17. Jhdt.) und Humanistisch-Moralische (18. Jhdt.)  zum Ökonomischen (19. Jhdt.) verschoben. Er charakterisiert diesen Prozess als einen der Neutralisierung und Entpolitisierung.

Was folgt als nächstes? Was ist das zentrale Sphäre des 20. Jahrhunderts?  „Nichts anderes als das Technische¡È, lautet seine erste Antwort.

„Die Evidenz des heute verbreiteten Glaubens an die Technik beruht nur darauf, dass man glauben konnte, in der Technik den absolut und endgültig       neutralen Boden gefunden zu haben. Denn scheinbar gibt es nichts Neutraleres als die Technik. Sie dient jedem so, wie der Rundfunk für Nachrichten       aller Art und jeden Inhalts zu gebrauchen ist, oder wie die Post ihre Sendungen ohne Rücksicht auf den Inhalt befördert und sich aus der Technik des       Postbetriebes kein Kriterium für die Bewertung und Beurteilung der beförderten Sendung ergeben kann. Gegenüber theologischen, metaphysischen,       moralischen und selbst ökonomischen Fragen, über die man ewig streiten kann, haben die rein technischen Probleme etwas erquickend Sachliches; sie       kennen einleuchtende Lösungen, und man kann es verstehen, dass man sich aus der unentwirrbaren Problematik aller anderen Sphären in die Technizität       zu retten suchte. Hier scheinen alle Völker und Nationen, alle Klassen und Konfessionen, alle Menschenalter und Geschlechter sich schnell einigen       können, weil sie sich alle mit gleicher Selbstverständlichkeit der Vorteile und Bequemlichkeiten des technischen Komforts bedienen. (...) Die Sphäre der       Technik schien eine Sphäre des Friedens, der Verständigung und der Versöhnung zu sein.¡È (Der Begriff des Politischen, 1932, S. 76-77.)

Das war jedoch nicht seine endgültige Meinung:

„Aber die Neutralität der Technik ist etwas anderes als die Neutralität aller bisherigen Gebiete. Die Technik ist immer nurInstrument und Waffe, und       eben weil sie jedem dient, ist sie nicht neutral. (...) Jede Art von Kultur, jedes Volk und jede Religion, jeder Krieg und jeder Friede kann sich der Technik       als Waffe bedienen.¡È (ibid. S. 77)

 „Heute sind die technischen Erfindungen Mittel einer ungeheuren Massenbeherrschung; zum Rundfunk gehört das Rundfunkmonopol, zum Film die       Filmzensur. Die Entscheidung über Freiheit und Knechtschaft liegt nicht in der Technik als Technik. Sie kann revolutionär und reaktionär sein, der       Freiheit und der Unterdrückung dienen, der Zentralisation und Dezentralisation. Aus ihren nur technischen Prinzipien und Gesichtspunkten ergibt sich       weder eine politischen Fragestellung noch eine politische Antwort. „(ibid. S.78.)

„Denn mit der Technik war die geistige Neutralität beim geistigen Nichts angelangt. Nachdem man erst von der Religion und der Theologie, dann von der Metaphysik und dem Staat abstrahiert hatte, schien jetzt von allem Kulturellem überhaupt abstrahiert zu werden und die Neutralität des kulturellen Todes erreicht.¡È(ibid. S. 79)

Hier handelt es sich um den Begriff  jener geistigen Bewegung, die im 16. Jahrhundert einsetzte. Auf diese Weise revidierte er seine Charakterisierung des 20. Jahrhunderts als des technologischen Jahrhunderts:

„Es kann daher nur ein Provisorium sein, das gegenwärtige Jahrhundert in einem geistigen Sinn als das technische Jahrhundert aufzufassen. Der       endgültige Sinn ergibt sich erst, wenn sich zeigt, welche Art von Politik stark genug ist, sich der neuen Technik zu bemächtigen, und welches die       eigentlichen Freund- und Feindgruppierungen sind, die auf dem neuen Boden erwachsen.¡È(ibid. S. 80)

Der abschließende Teil dieser Schrift ist schwer verständlich, aber bedeutsam in Hinblick auf Schmitts Eschatologie:

„Geist kämpft gegen Geist, Leben gegen Leben, und aus der Kraft eines integren Wissens entsteht die Ordnung der menschlichen Dinge.

Ab integro nascitur ordo.¡È(ibid. S. 95)

Der lateinische Satz bezieht sich auf Vergils Eklogen (Eclogae, IV, 4-10):

¡ÈUltima Cumaei venit iam carmenis aetas; magnus ab integro saeculorum nascitur ordo. Iam redit et Virgo, redeunt Saturnia regna; iam nova progenies       caelo demittitur alto; tu modo nascendi puero, quo ferrea primum desinet ac toto surget gens aurea mundo, cast fave Lucina; tuus iam regnat Apollo.¡É       (Hv., R. N.) (¡ÈNunmehr erschien, nach dem Liede von Cumae, die letzte der Zeiten./Machtvoll aufs neue erhebt sich der Zug der Epochen zum Kreislauf./       Nunmehr kehren die Jungfrau zurück und das Reich des Saturnus,/steigt auch ein neues Menschengeschlecht vom Himmel hernieder./ Zeig dich nur       gnädig, du keusche Lucina, dem kommenden Kinde:/ Endet mit seiner Geburt doch das Eiserne Zeitalter, leuchtet/ über der Erde das Goldne; schon       waltet dein Bruder Apollo.¡È)[1]

    Das Gedicht handelt vom Letzten Zeitalter (ultima aetas), in dem die Götter und Göttinnen vom Himmel herabsteigen und das Goldene Zeitalter mit der grundsätzlichen Veränderung der Menschennatur zurückkehrt. Einige christliche Denker des Mittelalters legten diese Textstellen im Sinne einer Prophezeiung von der Ankunft Christi aus (die Eklogen wurde um 40 v.Chr. veröffentlicht). Es hat den Anschein, als wollte Schmitt andeuten, dass nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen ideologischen oder politischen Lagern, d.h. zwischen denen, die der orthodoxen Eschatologie anhängen, und denen, die an das irdische Paradies glauben, diejenigen mit dem „integren Wissen¡È  (zuweifelsohne die Anhänger der ersteren Auffassung der Eschatologie) ein neues Goldenes Zeitalter herbeiführen werden, vielleicht am Ende des 20. Jahrhunderts.

 

III  Die Nazis und der Katechon

Schmitts Verhältnis zu den Nazis ist Gegenstand vieler Diskussionen gewesen. Als Freund von Kurt von Schleicher war er vor Hitlers Machtergreifung weit davon entfernt, den Nazis freundlich gesonnen zu sein. Schmitts Verteidiger heben die Gefährdung hervor, der er sich nach dem 30. Januar gegenübersah. Schmitt selbst stilisierte sich in einer Nachkriegsschrift als Opfer im Sinne Benito Cerenos (dem Helden in Herman Melvilles gleichnamigem Roman, der ein von Piraten bedrohte Schiff steuert). Sie betonen auch, dass Schmitt schon ab Dezember 1936 kaltgestellt wurde.

Man mag darüber streiten, ob seine Bemühungen, sich an die Realität der Naziherrschaft anzupassen, zu weit gingen, oder ob ein Denker seines Ranges es vorgezogen haben könnte, den Märtyrer zu spielen. Rudolf Smend, der mit dem Faschismus sympathisierte, weigerte sich, dem Regime zu willfahren  und verlor seine Professur in Berlin.

Jedenfalls fuhr Schmitt sogar nach 1937 noch fort, Hitler zu preisen und jüdische Denker anzuschwärzen. Am Ende von Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar-Genf-Versailles 1923-1939 (1940), wo er Hitlers aggressive Politik gegenüber Osteuropa glorifiziert, zitiert er wiederum Vergils dictum: „ab integro nascitur ordo¡È. Die deutsche Eroberung Europas bedeutete für ihn die Ankunft des Goldenen Zeitalters.

Seit 1942 begann er, sich auf den mysteriösen eschatologischen Begriff des Katechon zu beziehen. Wir müssen hier unsere Aufmerksamkeit auf einen ziemlich absonderlichen Aspekt der christlichen Eschatologie lenken.

Seit Gott Abraham versprochen hatte: „Aber ich will richten das Volk, dem sie dienen müssen.¡È(1. Mose 15,14), warteten die Juden auf den „Tag des Jüngsten Gerichts¡È. Spätere Propheten entwickelten die Vorstellung, dass diesem Tag die Ankunft des Messias vorausgehen würde. Noch spätere Propheten fügten dem hinzu, dass der Messias nach Katastrophen kommen würde, ausgelöst von denjenigen, die sich fälschlich als Messias ausgaben.

    Die christliche Eschatologie folgte darin ihrem jüdischen Gegenstück und benannte den Pseudomessias in den Antichristen um. In den Briefen des Johannes heißt es:

„Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Widerchrist kommt, so sind nun schon viele Widerchristen gekommen¡È. (1. Johannes 2,18)

„Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Widerchrist.¡È(2. Johannes, 7)

Paulus sagt:

„Lasset euch von niemand verführen, in keinerlei Weise; denn er kommt nicht, es sei denn, dass zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch       der Sünde, der Sohn des Verderbens¡È (2. Thessalonicher 2, 3)

 „ Und ihr wisset, was ihn noch aufhält, bis er offenbart werde zu seiner Zeit. (ibid. 2, 6)

Denn es regt sich bereits das Geheimnis des Frevels, nur dass, der es jetzt aufhält, erst muss hinweggetan werden; ( ibid. 2, 7) und alsdann wird der Frevler offenbart werden, welchen der Herr Jesus umbringen wird mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.¡È(ibid. 2, 8)

Das griechische Wort für das, was aufhält, ist to katechon und für den, der aufhält, entsprechend ho katechon (oder eher katechoon). Das Verb katechein bedeutet zurückhalten, hemmen,  in Schranken halten. Es hat den Anschein, dass ho katechon den „Menschen der Sünde¡È aufhält, dass aber in einiger Zukunft ho katechon beseitigt wird, den „Menschen der Sünde¡È offenbarend, und dass Christus ihm ein Ende machen wird. Zweifelsohne schwebten Paulus für den „Menschen der Sünde¡È und ho katechon bestimmte zeitgenössische Figuren vor. Wie die Worte: „ihr wisst¡È nahe legen, dachten Paulus und die Empfänger des Briefes, die Theassalonicher, an eine konkrete Person als ho katechon. Da Paulus im Jahr 51/52 n.Chr. schrieb, könnte der „Mensch der Sünde¡È ein Verfolger, wie etwa ein jüdischer Feind der Christen gewesen sein, wohingegen ho katechon als die Römische Regierung anzusehen ist, die zum damaligen Zeitpunkt Verfolgungen aufhielt.

Spätere Autoren, unter anderen Tertullian (160 – 220 n.Chr.), lasen diese Textstellen ganz im Sinne der Eschatologie. Der „Mensch der Sünde¡È war für sie kein anderer als der Antichrist, to katechon das Römische Reich und ho katechon solche Kaiser wie Claudius oder Nero ( Nero wurde 54 n.Chr. gekrönt. Den katechon des Paulusbriefes als Nero zu interpretieren, ist eine zeitliche Unmöglichkeit.)

Übertragen auf Schmitts Sichtweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wer oder was war der/das Katechon? Wie seine früheren Schriften nahe legen, verkörperten für ihn die Anhänger eines irdischen Paradieses den Antichrist. Diejenigen Westeuropäer und Amerikaner, die ein technologisches Paradies oder die Linken, die ein sozialistisches Utopia erträumten. Wer konnte dann der Katechon sein, der sie gegenwärtig aufhielt?

Einmal habe ich angenommen, dass es Hitler war. Am Beginn der Naziherrschaft wurde er von zahlreichen Deutschen und Österreichern als neuer Messias gefeiert. In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs jedoch zeigte sich Schmitt, als Fachmann für internationale und nationale Politik, ernüchtert aufgrund der unvorteilhaften Umstände und distanzierte sich innerlich von Hitler. Nun war Hitler weit davon entfernt, der Messias zu sein. Er war ein Katechon, der seine geschichtliche Rolle als derjenige spielte, der die neuen Antichristen aufhielt.

In seinem Buch Carl Schmitt und die Lehre vom Katechon (1996) entwirft Felix Grossheutschi auf der Grundlage intensiver Studien zu diesem Thema, ein ganz anderes Bild bzw. andere Bilder. (Ich gestehe, dass meine vorige Hypothese auf einer Mutmaßung ohne gründliche Nachforschungen basiert.)

Grossheutschi führt folgendes aus:

In einem Brief von 1948 gibt Schmitt an, dass seine Theorie des Katechons auf das Jahr 1932 zurückgeht (hatte er dann Hindenburg vorgestellt als Katechon?); aber wir finden keinen Niederschlag davon in seinen Schriften zu dieser Zeit. (S.57) Das ist erst 1942 der Fall. Damals war er noch optimistisch über den deutschen Erfolg trotz Amerikas Kriegseintritt. Er machte Großbritannien als einen Katechon lächerlich, der aufzuhalten suchte, was kommen musste: „das längst fällige apokalyptische Ende der Zeiten.¡È Der deutsche Sieg war eine geschichtliche Notwendigkeit und die angloamerikanischen Kriegsanstrengungen waren so vergeblich wie die des Katechon, der das zweite Kommen Christi aufzuhalten sucht.

Schmitt zählt Beispiele des Katechon in der modernen Geschichte auf:

Franz-Josef vor dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches, Masaryk vor der Annexion der Tschechoslowakei durch die Nazis und Pilsudski vor demselben Schicksal Polens.(S.62) Die Anstrengungen des Katechon sind bedeutungslos.

In seinem Buch Land und Meer (1942) beschreibt er als dessen Vertreter das Byzantinische Reich, das die Sarazenen auf ihrem Marsch nach Westen aufhielt (S.67) und Kaiser Rudolf II. (1552-1612), der für einige Jahrzehnte den Ausbruch der Religionskriege aufhielt. Hier spielten die Katechonten keine bedeutsame, aber wohl eine bescheidene positive Rolle in der Geschichte.

    1944 veröffentlichte Schmitt eine Vorlesungsreihe unter dem Titel Die Lage der europäischen Rechtswissenschaft. Er stellt hier den geschichtlichen Prozess der Technisierung und Instrumentalisierung des Rechts und das Legalitätsmonopol des Gesetzesstaates seit dem 19. Jahrhundert dar. Hegel und Savigny waren in seiner Sichtweise diejenigen, die versuchten, diesen Prozess aufzuhalten. Sie waren Katechonten  auf dem Gebiet juristischen Denkens.(Grossh., S.75) Offensichtlich betrachtete Schmitt den Prozess der Technisierung und Instrumentalisierung als einen Prozess zum Antichristen hin. Katechon ist eine Macht, die dies aufzuhalten sucht. Das ist für ihn eine tragische, wenn auch heroische Anstrengung.

Nach dem Krieg sprach Schmitt sehr häufig über Katechon. In einem Brief von 1948 an einen französischen Freund schreibt er:

„Nous sommes toujours dans le ‚aion¡Ç Chrétien, toujours en agonie, et tout événement essentiel n´est qu´une affaire du ¡ÆKatechon¡Ç.(¡Ä) Je crois qu´il y a en chaque siècle un porteur concret de cette force et qu´il s´agit de le trouver. „ (Glossarium, 11.1.1948) ( „Wir befinden uns immer im christlichen Äon/Zeit-/Weltalter, immer in einem Todeskampf, und jedes wesentliche Ereignis ist nur eine Angelegenheit des ¡ÆKatechon¡Ç. (...) Ich glaube, dass es in jedem Jahrhundert einen konkreten Träger dieser Macht gibt und dass es sich darum handelt, ihn zu finden.¡È (Übersetzt von G. St.)

 

Jesus und Paulus prophezeiten, dass der Jüngste Tag sehr bald kommen würde. Die Gläubigen haben darauf  zweitausend Jahre gewartet. Ihre verständliche Frage könnte sein: „Noch nicht?¡È und „Warum so spät?¡È Eine der möglichen Antworten lautet: „Irgendjemand hält den Fortgang auf.¡È

    Der Brief vom Jahr 1948 enthüllt, dass Schmitt die göttliche Bestrafung des Antichristen, d.h. von amerikanischen und marxistischen Vertretern des Glaubens an das irdische Paradies, erwartet hatte. Obwohl er es nicht explizit machte, können wir uns vorstellen, dass er bestimmte eschatologische Interpretationen der Person Hitlers auslotete: „Ist er der Messias, der Antichrist oder der Katechon?¡È


Literatur

Carl Schmitt, Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen,    ¡¡¡¡

J.C.B.Mohr, Tübingen 1914.
Ders., Gesetz und Urtei,  Otto Liebmann, Berlin 1912.
Ders., Theodor Däublers „Nordlicht¡È : Drei Studien über die Elemente, den

Geist und die Aktualität des Werkes,  Georg Müller, München, 1916.

Ders., Politische Theologie: Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität,

     Duncker u.Humblot, München 1922.

Ders., Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Duncker u.Humblot, München 1923.

Ders., Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen (1929) in : Ders., Der Begriff des Politischen, Duncker und Humblot, München, 1932.

Ders., Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar-Genf-Versailles 1923-1939,   Hanseatische Verlaganstalt, Hamburg  1940.

Ders., Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung, P.Reklam, Leipzig, 1942.

Ders., Die Lage der europäischen Rechtswissenschaft. (1944) , in: Verfassungsrechtliche Aufsätze aus den Jahren 1924-1954 : Materialien zu 
einer Verfassunglehre, Duncker & Humblot, Berlin 1958.
Ders., Glossarium: Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951, Duncker & Humblot, Berlin, 1996 

Felix Grossheutschi, Carl Sschmitt und die Lehre vom Katechon, Duncker u.Humblot, Berlin, 1996.

Hermann Melville, Benito Cereno (1855) in Selected Writings of Hermann Melville, Modern Library, New York, 1952.
Virgil, Ecologues; Georgics; Aeneid, Loeb Classical Library, 1935.

    [1] Übersetzung nach:

    Vergil: Werke in einem Band. Herausgegeben und aus dem Lateinischen übersetzt von Dietrich Ebener. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag, 1987.

    (Bibliothek der Antike)    © 1984 Aufbau-Verlag, Berlin

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