Süddeutsche Zeitung FEUILLETON
Montag, 12. Juli 1999
Entbräunungs-Serenade
Ein
deutsches Modell für die Vergangenheitsbewältigung in
Japan?
In diesem Land wird man
nur mit Mühe nachvollziehen, was sich im comicsüchtigen
Japan derzeit abspielt. Nicht die Rede eines Dichters, sondern
ein Comic löste dort hitzige Diskussionen über
die eigene Vergangenheit aus. Yosinori Kobayashis "Senso-ron"
("Abhandlungen über den Krieg"), ein Comic,
der sich auf 380 Seiten mit dem Zweiten Weltkrieg in japanischer
Sicht befaßt, wurde zum Bestseller. Kobayashi handelt
alle einschlägigen Aspekte ab, von den Greueltaten
japanischer Soldaten bis zur Kriegsschuldfrage, und gibt sich
dabei unverblümt nationalistisch. Die zur Prostitution
gezwungene "Trostfrauen" etwa seien durchweg
Professionelle gewesen. Mit Hinweisen auf solche, im Einzelfall
tatsächlich belegte Fälle, glaubt er, allgemein die
Ehre der japanischen Nation retten zu können. Das gleiche
Auslassungsprinzip wird freilich auch von Kobayashis Gegnern
praktiziert.
Sein Fazit: Japan kann
nicht nur seine Vergangenheit, sondern alle Probleme der
Gegenwart, einschließlich der Bankenkrise, bewältigen,
wenn sich nur alle Japaner so zur Nation bekennen würden,
wie dies einst die Kamikaze-Flieger getan hätten, die ihr Leben für das
Vaterland opferten.
Man
spricht deutsch
Als man in den achtziger
Jahren in Japan ernsthaft die japanische Vergangenheit zu
diskutieren begann, nahm man sich deutsche Diskussionen zum
Vorbild ? vielen japanischen Intellektuellen galt Deutschland
gewissermaßen als "Vergangenheitsbewältigungsmeister".
So wurde denn die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker
zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in Japan mit großer
Begeisterung aufgenommen. In vielen Kreisen studierte man sie
beinahe so fleißig wie anderswo die Bibel. Diese
Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen
Vergangenheit wurde auch von Politikern unterstützt,
die ihr Land aus der Isolation in Asien herausführen
wollten.
Dennoch ist die Bilanz
eher traurig ? sehr weit ist die japanische Vergangenheitsbewältigung
nicht vorangekommen ? und die Richtung weist heute eher rückwärts.
Es sieht leider so aus, als ob die Zahl der "Ewiggestrigen"
in Japan eher zu- als abgenommen habe. Warum aber gelingt es den
Japanern nicht, ihre Vergangenheit nach deutschem Beispiel zu bewältigen?
Die Antwort ist simpel.
Das "deutsche Modell" ist nicht so einfach zu kopieren
wie zum Beispiel der Umgang mit klassischer Musik. Dennoch kann
man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß
japanischen Befürwortern
des "deutschen Modells" sich die deutsche
Vergangenheitsbewältigung als eine für die
"Entbräunung" der Japaner dienliche Musik
darstellt.
Es klingt absurd, aber
es entspricht ganz der Realität: Japaner (Journalisten,
Zeithistoriker usw.) suchen in Deutschland nach der japanischen
Vergangenheit. Wenn es etwa heißt, die Deutschen fahndeten nach
"Kriegsverbrechern", dann haben japanische Leser den
Eindruck, das deutsche Volk setze das Nürnberger Militärtribunal
der Alliierten in eigener Regie fünfzig Jahre später
immer noch fort. Und im Lichte dieses Mißverständnisses sehen die Menschen in
Japan ? das seine an Kriegsverbrechen beteiligten Soldaten
einfach laufen ließ ? auch ihre Vergangenheit in
Deutschland "bewältigt". Handelt es sich
dabei also um eine beispielhafte ethnozentrische Unfähigkeit,
ein fremdes System zu verstehen?
Was machen umgekehrt
Deutsche in Japan? Unterwegs auf ihrer Suche nach unbewältigter
Vergangenheit in der japanischen Gesellschaft stoßen
sie immer wieder auf "braune Japaner" oder auf "Nanking-Leugner"
? viele Menschen, von denen die japanischen Kriegsgreuel in China
schlichtweg abgestritten werden; Anhänger der "Auschwitz-Lüge"
sind in Japan dagegen eher Ausnahmen. Ist aber mit dem, was sie
in Japan als "unbewältigte Vergangenheit"
erkennen, wirklich die japanische Vergangenheit gemeint oder
verwechseln sie diese mit der deutschen?
Häufig wird hier übersehen,
daß beide Staaten völlig unterschiedliche
internationale Umfelder haben. Wie würden die asiatischen Nachbarvölker,
die keine postnationalen Staaten sind, reagieren, wenn zum
Beispiel ein japanischer Politiker sagen würde, der Tag der japanischen
Kapitulation ? der 15. August 1945 ? sei ein Tag der Befreiung
gewesen? Wahrscheinlich würden die Nachbarvölker
ihn auslachen oder heftig protestieren, und die Japaner selbst würden
ohne Ausnahme den Kopf schütteln.
Im kollektiven Gedächtnis
der Deutschen bezieht sich der Begriff der jüngeren Vergangenheit wesentlich
auf das "Dritte Reich", vor allem auf den Holocaust,
die Ermordung der europäischen Juden. Die japanische
Vergangenheit hingegen ist eindeutig der 1945 zu Ende gegangene
Krieg. Mit dieser Vergangenheit, das heißt, mit dem verlorenen Krieg schlägt
sich die Gesellschaft noch heute herum. Und sie ist tatsächlich
unbewältigt in dem Sinne, daß sie
unreflektiert geblieben ist.
Für die Pazifisten, die nun Anhänger
der deutschen Vergangenheitsbewältigung geworden sind, gilt der
Krieg als das absolut Böse. Bisweilen kann man sich des
Eindrucks freilich nicht erwehren, sie machten damit auch dem
Weltpolizisten, der ihr Land besiegte, nachträglich
moralische Vorwürfe: indem sie schlichtweg alle Kriege für böse
erklären. Eine solche Deutung würde
den in der Tat entlastenden Schluß nahelegen, daß ausnahmslos
alle Völker böse sind.
Während des Kalten Krieges wurde
von der pazifistisch gesinnten Opposition ein außenpolitisches
Konzept vertreten, das eine Lähmung der parlamentarischen
Demokratie in Japan herbeiführte ? das Konzept der
unbewaffneten Neutralität: Demnach sei der Weltfrieden
dadurch zu sichern, daß nicht nur Japan, sondern alle
Staaten, die USA voran, umfassend abrüsteten. Der Weltfrieden war ja in
der Tat eingetreten, als Japan, das gegen den Rest der Welt Krieg
geführt hatte, am 15. August 1945 kapitulierte.
Sprach sich also in diesem pazifistischen Konzept das
Wunschdenken aus, die USA könnten die ganze Welt befrieden,
wenn sich dieser Kapitulationsakt allüberall wiederholte? Dann wäre
dieser Pazifismus nichts anderes als eine imaginäre
Fortsetzung des verlorenen Krieges ohne Waffen.
Man sieht, auch
Pazifisten können verkappte Nationalisten sein. Außerdem
wird deutlich, wie dehnbar der japanische Vergangenheitsbegriff
ist. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, als führte
das Volk einen imaginären Krieg in der Vergangenheit
wie in der Vorvergangenheit, in Gegenwart und Zukunft. So heißen
zum Beispiel im Ausland tätige japanische Geschäftsleute
"Unternehmenssoldaten". Stagniert wegen der Bankenkrise
das Wirtschaftswachstum, dann ist das "die zweite
Kapitulation". Auch sind viele Japaner davon überzeugt,
daß der Zweite Weltkrieg bereits in der Mitte
des 19. Jahrhunderts begonnen habe, als die europäischen
Imperialisten in Asien erschienen.
Innere
Kapitulation
Die Vergangenheit
bestimmt also weiter die Gegenwart ? als wäre sie der Büchse einer japanischen Pandora
entwichen, und man versteht, warum in Japan der Umgang mit der
Vergangenheit, wie man ihn in Deutschland pflegt, so positiv
bewertet wird. Dabei wird jedoch gern übersehen, daß
dieses bewunderte
System der deutschen Vergangenheitsbewältigung vor allem auf zwei
Prinzipien basiert, die der japanischen Kultur und Gesellschaft
unbekannt sind und die für eine Stabilität des
nationalen Selbstbewußtseins in Deutschland sorgen.
Das erste Prinzip ist
das der Individualisierung von Schuld und Verantwortung, das die
Kollektivschuldthese, die das deutsche Volk in eine Art
Pauschalhaftung nahm, erfolgreich relativierte. Dieses Prinzip
verdankt sich vor allem zwei Elementen, die es in Japan nicht
gibt: Das eine war der völlige Zusammenbruch der
staatlichen Struktur des Deutschen Reichs, das Erlebnis eines
finis Germaniae, das in der inneren Kapitulation der einzelnen
Individuen seine Entsprechung fand. Das zweite Moment war eine in
Deutschland noch bestehende religiöse Prägung der Gesellschaft, die eine
individuelle Zuordnung von Schuld und Verantwortung ermöglichte.
Das zweite, in Japan
unbekannte Prinzip war eine strikte Trennung zwischen dem "sauberen"
Krieg und den Verbrechen der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft. Diese ? nicht zuletzt durch die "Wehrmachtsausstellung"
? nachdrücklich in Frage gestellte Unterscheidung
fand lange Zeit ihren Niederschlag in Politikerreden, in denen
das Bild des "tapferen Frontsoldaten", der sich für das
Wohl der Heimat opferte, mit dem der Nazi-Verbrecher konfrontiert
wurde, die hinter der Front sengten und mordeten. Diese "saubere"
Trennung, die zunächst in den Biographien der
Frontsoldaten für Sinnstiftung sorgte, wurde zum Prinzip
gehärtet, als Deutschland im Kalten Krieg in
das atlantische Verteidigungsbündnis eingegliedert wurde.
Beide Prinzipien sollten
dazu beitragen, Verantwortung und Schuld für die Vergangenheit individuell
zu begrenzen und so zu verhindern, daß
die Vergangenheit zu
einer nationalen Angelegenheit wurde. Diese Voraussetzungen waren
in Japan jedoch nicht gegeben, denn der totale Krieg, auf den
sich der japanische Vergangenheitsbegriff konzentriert, ist im
kollektiven Gedächtnis des Landes eine ganz und gar
nationale Sache.
Durch die Betonung der
"Erinnerung" ist man in Deutschland jetzt bestrebt, die
Geltung dieser Prinzipien langsam abzuschwächen. Daß
dies möglich
ist, spricht für eine hohe Flexibilität des
deutschen Systems der Vergangenheitsbewältigung, das sich dem
Generationswechsel ebenso geschmeidig anpaßt wie den seit Ende des Kalten
Kriegs grundlegend veränderten außenpolitischen Anforderungen, bei
denen insbesondere die Belange der Menschenrechte eine immer größere Rolle spielen. Der Umgang der
Deutschen mit ihrer Vergangenheit stellt sich so als ein
kulturell bedingtes und historisch gewachsenes System dar, das
nicht mit der Partitur einer "Entbräunungsserenade" verwechselt
werden darf, die japanische Musikanten einfach nachspielen könnten.
TAN MINOGUCHI
SIND DIE JUNGEN MÄNNER,
die in dieser verzweifelten Situation auf den Tod gefaßt
waren, wahnsinnig gewesen, wie es uns später gesagt worden ist? ? Im Comic
Senso-ron von Yosinori Kobayashi ist das die Frage.
Abb.: Verlag
Feuilleton 12.07.1999
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