
© Aargauer Zeitung / MLZ; 18.12.2006
Thema Zeitung Zürich
«Beim Flamenco kann man sich nicht brav bewegen»
Stéphane Lambiel Der Eiskunstlauf-Weltmeister über die heisse Leidenschaft auf dem kalten Eis
Eiskunstlauf-Weltmeister Stéphane Lambiel startet mit einem komplett neuen Programm in die Saison. Der 21-jährige Walliser will mit einem feurigen Flamenco seine Leidenschaft noch besser ausdrücken.
Rahel Bucher und Rainer SommerhalderHerr Lambiel, Sie waren in Ihrer Karriere sehr erfolgreich. Was wollen Sie noch erreichen?
Stéphane Lambiel: Mein Ziel ist es, meine Leidenschaft auszuleben. Ich habe noch immer Spass auf dem Eis, und ich habe Spass, ein neues Programm zu kreieren. Das ist ein Teil meines Sportes, den ich sehr gerne habe. Man kann immer etwas Neues machen. Es gibt im Eiskunstlauf zum Glück nicht nur die technische Seite. Es ist mir sehr wichtig, eine neue Geschichte auf dem Eis zu schreiben.
Sie haben auf die neue Saison hin zwei neue Geschichten geschrieben. Für die Kür ist es ein Flamenco. Was fasziniert Sie am Flamenco?
Lambiel: Ich habe im Sommer den spanischen Tänzer Antonio Najarro in Japan kennen gelernt. Er trat in der gleichen Show auf wie ich. Ich war von seiner Darbietung sehr beeindruckt. Ich habe ihn spontan gefragt, ob er mit mir zusammenarbeitet. Ich wollte etwas Spanisches machen, aber nicht nur eine Abbildung, sondern etwas Authentisches. Er war einverstanden, hat mir aber gesagt, ich müsse dafür nach Madrid kommen, um den Flamenco zu fühlen. Man kann nicht nur Flamenco tanzen, man muss die Atmosphäre spüren.
Aber man kann Flamenco nicht in einer Woche lernen!
Lambiel: Das ist klar. Flamenco ist nicht nur ein Tanz, es ist ein Lifestyle.
Faszinierend ist die Verbindung. Eis ist etwas Kaltes, und Flamenco ist etwas sehr Warmes, Leidenschaftliches?
Lambiel: Vielleicht ist es genau diese Verbindung zwischen meiner Leidenschaft fürs Eiskunstlaufen und der Leidenschaft des Flamencos, welche eine spezielle Wärme ausstrahlt. Ich brauche diese Emotionen in meinem Programm. Meine Mutter ist Portugiesin. Ein Teil von mir ist Latino.
Sie haben gesagt, das neue Programm sei männlicher und aggressiver. Woher kommt das Bedürfnis, so zu wirken?
Lambiel: Das kommt natürlich vom Flamenco. Bei diesem Tanz kann man sich nicht brav bewegen. Beim Flamenco gibt es viele Stimmen, viel Lärm, Schreie. Alle rufen, alle schreien. Auch die Tänzerinnen waren in ihrer Körperhaltung sehr stolz.
Sie streben auf dem Eis die Perfektion an, bis ein Flamenco-Tänzer perfekt ist, vergehen aber viele Jahre. Kann das überhaupt aufgehen?
Lambiel: Ich werde dieses Programm nicht nur ein Jahr lang zeigen. Die Entstehung war eine zu grosse Arbeit. Das Programm muss jetzt wachsen. Es bedingt eine Entwicklung. Es wäre schade, wenn ich diese Arbeit nur für drei Wettkämpfe machen würde.
Es gibt neben den drei Wettkämpfen auch noch die Shows. Worauf freuen Sie sich mehr, auf die Weltmeisterschaft in Tokio oder auf «Art on Ice» in Zürich?
Lambiel (lacht): Man kann einen Wettkampf und ein Schaulaufen nicht miteinander vergleichen. Ich freue mich auf die WM, weil ich gerne nochmals einen Titel gewinnen würde. Und ich freue mich auf «Art on Ice», weil es eine sensationelle Show ist. Ich habe dort viel gelernt. Man steht vor 10 000 Zuschauern. Das ist eine gute Lehre für die Wettkämpfe.
Wie unterscheiden sich die Aufführungen denn konkret?
Lambiel: Ich glaube, die Nervosität ist die gleiche. Ich bin immer nervös. Ich will bei jedem Auftritt mein Bestes geben. Wenn man einen Wettkampf macht, muss man Punkte sammeln, auch wenn es nicht ästhetisch ist. Im Schaulaufen machst du etwas nicht, wenn es nicht ästhetisch ist. Dort läufst du, damit das Publikum Spass hat.
Bei «Art on Ice» treffen Sie auch auf Ihren grossen Rivalen Jewgeni Pluschenko. Wie wird das sein?
Lambiel: Wir waren bereits im Sommer bei der Showtournee in den USA einen Monat lang zu sammen unterwegs. Wenn man eine Tour macht, ist man wie eine grosse Familie. Es gibt zwar Leute, mit denen hat man mehr, und solche, mit denen hat man weniger Kontakt. Aber wir sind alle im gleichen Team. Wir sind beide intelligent genug, um Respekt voreinander zu haben. Unser beruflicher Kontakt ist nicht schlecht.
Würden Sie sich denn freuen, wenn Pluschenko wieder auf die Wettkampfbühne zurückkehrt?
Lambiel: Ja klar, ich mache mir darüber keine Sorgen. Er kann kommen, wenn er will.
Von der langen Tour in den USA nehmen Sie nicht nur gute Erinnerungen mit.
Lambiel: Es war eine schwierige Zeit. Ich bin jemand, der seine Familie und seine Freunde in der Nähe braucht. In den USA fehlten mir meine Bezugspersonen. Wenn es mir schlecht ging, hatte ich niemanden, mit dem ich sprechen konnte. Aber es war trotzdem eine gute Erfahrung.
Sie nehmen also für Ihren Sport in Kauf, dass Sie sich auch mal einsam fühlen?
Lambiel: Ja, denn meine Leidenschaft ist jetzt, in der Gegenwart. Man muss eine Gelegenheit geniessen, wenn sie da ist. Wenn jemand mich als Eiskunstläufer braucht, kann ich nicht Nein sagen, denn es würde bedeuten, dass ich etwas nicht gerne mache. Und ich kann nie Nein sagen, das ist ein Problem. Ich muss das noch lernen.
Gibt es denn nie Momente, in denen Sie zweifeln?
Lambiel: Wann habe ich das letzte Mal gezweifelt? (überlegt lange) Ich habe keine grossen Zweifel . . .
Wie sehr zweifelten Sie bei Ihrem ersten Wettkampf in dieser Saison in Kanada zwischen dem völlig missglückten Kurzprogramm und der Kür?
Lambiel: Man lernt viel während dieser schwierigen Momente. Es ist auch schön, solche Momente zu überwinden. Man lernt zu kämpfen, und ein erfolgreicher Kampf gibt dir eine grosse Genugtuung. Es war in Kanada nicht so schwierig, denn ich hatte keine Wahl. Es war die einzige Reaktion, die ich zeigen konnte. Entweder eine Reaktion oder Aufhören.
Mit welcher Strategie suchen Sie im Sport den Erfolg?
Lambiel: Keine Strategie - Spass, Genuss und Leidenschaft. Ich habe bewiesen, dass ich einen Weltmeistertitel gewinnen kann. Deshalb will ich jetzt etwas anderes zeigen - eine besondere, ganz schwierige Kür. Ich will zeigen, dass man im Eiskunstlaufen mehr bieten kann als nur Sprünge und Wettkampfteile. Es ist für mich auch Kunst.
Gehen Sie damit nicht ein grosses Risiko ein, dass es für Sie in Tokio am Schluss nicht zum Titel reicht?
Lambiel: Ich mache das neue Programm für meinen Spass. Eiskunstlaufen ist nicht nur mein Hobby, es ist mein Leben. Ich liebe das Risiko. Aber ich habe Vertrauen.
Sie freuen sich sehr auf den Wettkampf in Japan. Sie haben aber auch gesagt, dass Ihnen Regeln nicht so liegen. Japan ist doch ein Land, das enorm aus Regeln und Ritualen besteht. Ist das nicht ein Widerspruch?
Lambiel: Die Japaner haben viele Regeln, sind aber auf der anderen Seite begeistert von Leuten, die keine Grenzen kennen. Es ist doch meistens so, man ist fasziniert von dem, was man selber nicht hat.
Finden Sie, dass der Sport in der Schweiz genug gefördert wird?
Lambiel: Ich glaube, man könnte es viel besser machen. Es gibt in der Schweiz ein grosses Potenzial im Sport, aber man glaubt nicht genug an junge Leute. Für mich war Eiskunstlauf die beste Lehre für mein Leben. Aber ich hatte Glück, dass meine Eltern mich dabei unterstützten. Ohne meine Eltern hätte ich es nie geschafft. Hier in der Schweiz kommen Kinder ohne ihre Eltern im Sport nicht weit. Und das ist schade.
Was bedeutet Ihnen die Schweiz?
Lambiel: Es ist mein Zuhause. Für mich ist die Schweiz klein, aber gross genug. Ich habe Länder gesehen, die waren zu gross. Dort ist es schwierig, eine gute Organisation zu haben. Schade ist es, dass wir zum Beispiel unsere Kunst nicht international machen.
Sind Sie im Ausland stolz, zu sagen, dass Sie ein Schweizer sind?
Lambiel: Ja, immer.
Und was ist der Unterschied zwischen einem Schweizer und einem Walliser?
Lambiel (lacht): Ich will keine Klischees verbreiten, aber es ist ein grosser Unterschied. Die Walliser sind wirklich anders.
Sie auch?
Lambiel (lacht laut): Ich bin nochmals anders. Ich bin noch schlimmer als ein Walliser.
Was unterscheidet euch denn von den restlichen Schweizern?
Lambiel: Wir sind eingeschlossen in den Bergen. Sie müssen ins Wallis kommen und sich in eine Kneipe setzen. Dort finden Sie die Antwort. Die Atmosphäre ist wie nirgendwo in der Schweiz.
Finden Sie, die Schweiz sollte sich noch mehr öffnen, der EU beitreten?
Lambiel: Ich weiss nicht, ob es eine gute Lösung ist. Vielleicht müssen wir mehr an unser eigenes Potenzial glauben. Wir hätten die Möglichkeit, dieses Potenzial zu exportieren, aber wir bleiben hier. Wir sollten uns wie eine Rose öffnen, aber nicht ganz.
Was könnte der Schweiz in der EU verloren gehen?
Lambiel: Die Kontrolle. Wir haben eine funktionierende Struktur, eine gute Lebensqualität. Wir haben Frieden. Man muss das nicht alles kaputtmachen. Wir müssen uns öffnen, aber dabei eine gute Balance finden und nicht unsere Qualitäten verlieren. Wir müssen unsere Traditionen bewahren, aber auch unsere Türen öffnen.
Was denken Sie, wenn Sie Christoph Blocher hören?
Lambiel: Muss ich diese Frage beantworten?
Sie müssen nicht!
Lambiel: Okay, danke.
Was würden Sie in der Schweizer Politik verändern?
Lambiel: Ich würde viel mehr für unsere Kinder tun.
Sie lieben die Berge und auch das Meer. Wenn Sie wählen müssten . . .
Lambiel: . . . dann würde ich beide wählen.
Was fasziniert Sie an der Natur?
Lambiel: Wenn ich auf einem Berg stehe, kann ich die ganze Welt überblicken. Auch wenn ich am Meer stehe, kann ich sehr weit schauen. Das hat wohl mit meinem Charakter zu tun. Ich schaue sehr gerne weit nach vorne.
Wie weit schauen Sie in Ihrem Leben voraus?
Lambiel: Da gibt es keine Grenze.
Sie haben noch viele Träume?
Lambiel: Ich habe noch sehr viele Ziele, nicht nur im Eiskunstlauf.
Schauen Sie auch voraus auf das Karrierenende?
Lambiel: Ich weiss, dass es einen Tag geben wird, an dem es zu Ende ist. Und die Jahre vergehen sehr schnell.
Was wünschen Sie sich und der Schweiz fürs neue Jahr?
Lambiel: 2006 war für mich ein sehr langes Jahr. Fürs neue Jahr wünsche ich mir Gesundheit für alle. Wenn du gesund bist, kannst du alles machen, was du willst.
Stephane Lambiel
Geboren am 2. April 1985 in Martigny, aufgewachsen in Saxon. Sein Vater ist Walliser, seine Mutter Portugiesin. Im März 2005 wurde er in Moskau als erster Schweizer seit 57 Jahren Eiskunstlauf-Weltmeister. Bei den Olympischen Spielen in Turin gewann er die Silbermedaille und verteidigte anschliessend in Calgary seinen WM-Titel. Trainiert wird Lambiel seit 1995 von Peter Grütter.
Wegen Jewgeni Pluschenko mache ich mir keine Sorgen. Er kann kommen
Ich kann nicht Nein sagen. Das ist ein Problem. Das muss ich noch lernen
Alex Spichale
Eine Erfolgsgeschichte in einem boomenden Markt
Als der elffache Schweizer Meister Oliver Höner 1994 die Idee einer eigenen Eisshow entwickelte, stand der Erfolg dieses Produkts noch in den Sternen. Holiday on Ice hiess damals der absolute Marktführer des Eiskunstlauf-En tertainments. Noch immer verbreitet diese Revue in 20 Ländern - darunter auch die Schweiz mit Aufführungen in Basel und Genf - im grossen Stil eisige Ferienstimmung, doch die grossen Stars geben sich inzwischen bei Höner die Hand.
Mit Art on Ice setzte der Zürcher 1995 in der bescheidenen Küsnachter Eishalle erstmals ein ganz neues Konzept für ein völlig anderes Publikum um. Er verband höchste sportliche Ansprüche mit musikalischen Highlights. «Unser Ziel war es, den Zuschauern etwas zu bieten, was es vorher nicht gab. 90 Prozent unserer Zuschauer sind nicht aus dem Eiskunstlauf-Segment», sagt Höner und weist darauf hin, dass er und sein Team viele Leute für diesen Sport sensibilisieren konnten. Die Aufführung in Küsnacht war auf Anhieb ausverkauft, und bereits 1997 wechselte man ins Zürcher Hallenstadion.
2006 liegt das Budget für die Gala bei 5,5 Mio. Franken. «Wir sind die Nummer 1 in einem boomenden Markt», sagt der Schweizer stolz. Neben den traditionellen Eisshow-Ländern Japan und USA wuchs das Geschäft in den letzten Jahren auch in Russland und Frankreich stark an.
Die Stars der aktuellen Tournee in Zürich (1.-4. Februar) und Lausanne (6. und 7. Februar) sind von heraus ragender Qualität.
Die Teilnehmerliste liest sich wie das «Who is who» der Eiskunstlauf-Szene: Neben Publikumsliebling Stéphane Lambiel tritt der russische Olympiasieger Jewgeni Pluschenko auf. Weitere Olympiasieger wie Elena Bereschnaja und Anton Sikharulidze oder Tatiana Totmianina und Maxim Marinin vervollständigen das Line-up der weltweit grössten Eiskunstlauf-Gala. Hochkarätig sind auch die musikalischen Gäste. Als Haupt-Act steht Robin Gibb, Kopf der legendären Bee Gees, auf der Bühne. Zudem gibt Gölä nach fünf Jahren konsequenter Live-Abstinenz von der Showbühne sein Comeback.
Zudem wartet «Art on Ice» im kommenden Jahr mit zwei Premieren auf. Am 10. und 11. Februar gastiert die Show erstmals in England, und zwar in Sheffield. «Dort wollen wir langfristig etwas aufbauen», verrät Höner.
Und am 15. Februar schliesslich kommt es auf einer Open-Air-Bühne auf dem St. Moritzersee zu einer exklusiven, für 500 Zuschauer reservierten Vorstellung. (rs)